Neues von #DerErde – Corona Edition

Das Coronavirus hat uns fest im Griff. Angst, Schuldzuweisungen, Rückzug ins Private: Alles beim Alten auf #DerErde?

Puh. Ein neuer Tag, eine neue Krise. Selten habe ich so viel von meinen Bewohnern mitbekommen, wie in den vergangenen Monaten. Habt ihr denn sonst nichts zu tun? Müsst ihr nicht arbeiten? Nein, stattdessen sitzen die Menschen plötzlich lieber zu Hause herum und vertreiben sich ihre Zeit im Homoffiss. Ich frage mich ernsthaft, ob der Homosapiens es endlich geschafft hat, sich selbst überflüssig zu machen. Der Homoffiss ist auf jeden Fall ein deutlich ruhigerer Zeitgenosse. Meine Troposphäre ist seit kurzem wie leergefegt, nur noch gelegentlich sind die Stahlvögel unterwegs und pumpen die schöne frische Luft da oben mit ihren Abgasen voll. Und auch auf meinem Boden scheint weniger los zu sein. Als würden die Menschen leisetreten. Ich habe lange gerätselt, warum das so ist, bis mir Uranus wieder einmal weitergeholfen hat. Derzeit scheint der besonders gut informiert zu sein:

Es ist wieder Krise.

Diesmal aber nicht nur die Klimakrise, sondern auch noch Coronakrise. Ich weiß nicht wirklich, was das bedeuten soll, wenn ich ehrlich bin. Aber im Kern geht es um ein kleines Lebewesen, kleiner noch als die Menschen, sogar kleiner als das kleinste Tier auf meiner Oberfläche. Ich hatte ja keine Ahnung, dass es so etwas Kleines auf mir gibt. Aber so wie es aussieht, haben die Menschen  gehörig Angst davor. Wenn ich mir die Reaktionen ansehe, dann würde ich sagen, es geht um existentielle Angst. Überlebensangst. Und ich dachte, ihr macht euch wegen des Klimas sorgen! Nunja… also, liebe Menschen, sollte es mit euch zu Ende gehen, dann – ich bin ehrlich – wäre ich etwas enttäuscht. Ein Winzling zwingt die Menschheit in die Knie? Das wäre kein würdiger Abgang. Man muss ja auch nicht so dick auftragen wie die Dinosaurier, aber ein bisschen Pomp darf ich meinen evolutionären Superstars schon gönnen.

Aber Spaß beiseite: Dieser Winzling hat es wohl ganz schön in sich. Die Menschen nennen es einen Virus und jetzt, wo Uranus mich darauf gebracht hat, denke ich, gab es das schon vorher. Es kommt mir vor, als wäre es gestern gewesen, vielleicht ist es auch schon ein paar Jahrhunderte her, aber was weiß ich schon. Heute ist es eine Pandemie, damals nannte man es Seuche – die Pest. Oh, wie haben sie gelitten, die Menschen. Den Homoffiss gab es damals noch nicht, Stahlzelte für Kranke ebenfalls nicht und man wusste erst recht nichts über mikroskopisch kleine Lebewesen, die meine Bewohner krank machen. Der Homosapiens war also sich selbst überlassen. Sein Hilfsmittel der Wahl war das Gebet an einen Schöpfer (als ob ich euch nicht von selbst hervorgebracht haben könnte) und das krankhafte Auspeitschen des eigenen Rückens. Was diese Art der Selbstgeißelung gebracht haben sollte, weiß ich nicht, aber scheinbar verschaffte es den Leuten ein gutes Gefühl. Vor allem aber wurden zu dieser Zeit besonders viele Menschen in meinem Boden verscharrt. Sie waren jung und alt, ihre Körper von Krankheit gezeichnet – und oftmals verhungert. Weshalb das so war? Vielleicht gab es weniger zu essen, möglicherweise fiel die Ernte schlecht aus. Aber ich denke, ein Grund für die Hungertoten während der grassierenden Seuche lag woanders. Ich erkläre euch mal, wie es sich mit den Menschen so verhält.

Der Mensch – meine Lieblingsspezies?

Der Mensch gehört nämlich durchaus zu meinen Lieblingsbewohnern. Ob ihr es glaubt oder nicht, das stimmt! Diese eigentümliche und ausgefuchste Spezies macht mir mit seinen ständigen Erfindungen zwar eine Menge Probleme, aber sie hat in ihrer Seele eine höchst bewundernswerte Eigenschaft, die sie von den früheren Königen der Oberfläche erheblich unterscheidet. Denn während sich die Dinos am liebsten gegenseitig gejagt haben und der größte unter ihnen als der Gewinner galt, hat die Menschheit einen inneren Trieb, sich um seine Mitglieder zu kümmern. Erstaunlich oder? Ich weiß ja, was ihr jetzt sagt – selbstkritisch, wie ihr seid. Menschen sind Egoisten und Narzissten, der voyeuristische Individualismus beherrscht den Zeitgeist und gerade diejenigen, die sich um ihre Mitmenschen kümmern und sorgen, werden von den Übrigen am geringsten entlohnt.

Ja. Das stimmt.

Es stimmt aber auch, dass die Spezies Mensch in ihrer Gesamtheit mehr ist als das einzelne Individuum. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Ein Wesen, das in sich den Trieb trägt, mit anderen zusammenzuleben und mit ihnen eine Gemeinschaft zu gründen. Darin findet er einen wesentlichen Teil seiner Selbsterfüllung. Selbst ein zurückgezogener Eremit ist dankbar für den gelegentlichen Kontakt mit einem Mitmenschen, ja, sogar mit Gattungen wie Hunden und Katzen. Und hier liegt das Herz der Tragödie, die euch in Form von Miniaturlebewesen, Viren und Bakterien, heimsucht. Hier liegt eure große Schwäche als Spezies begraben.

Was den Menschen ausmacht

Die vielen Hungernden während der mittelalterlichen Pest erkläre ich mir nicht allein durch fehlende landwirtschaftliche Produktion. Damals haben die Menschen bemerkt, dass sie selbst krank werden, wenn man sich seinen Liebsten nähert und mit ihnen zusammenlebt. Die Folge aus dieser Erkenntnis lag in der Logik der Angst: Wer krank war, wurde gemieden. Wen das winzige Lebewesen befallen hatte, suchte kurz darauf die Einsamkeit heim – die Angst überwand den inneren Gemeinschaftstrieb der Menschen. Wer also sorgte noch für Essen, wenn man krank im Bett lag? Wer sorgte für Wasser und frische Laken? Genau: niemand. Ob das Mittelalter düster war oder nicht, darüber möchte ich mir kein Urteil bilden. Aber es war eine Tragödie, dass zahlreiche Mitglieder eurer Spezies in ihren eigenen vier Wänden verhungern mussten. Ihr werdet nie wissen, ob man sie nicht mit ein wenig vorsichtiger Zuwendung hätte retten können.

Nun, seitdem hat sich einiges geändert. Eure Bohrmaschinen kratzen an meinem Erdkern, das Klima habt ihr mittlerweile so stark beeinflusst, dass ihr euch selbst als geologische Naturgewalt bezeichnet. Man würde also denken, dass ihr mit einem mikroskopisch kleinen Killerlebewesen bestens zurechtkommt. Oder?

Es ist doch erstaunlich, wenn man von außen auf euch blickt und feststellt, dass ihr noch immer die gleichen hilflosen Höhlenbewohner von früher seid. Denn das Leben programmierte neben eurem Gemeinschaftstrieb auch einen zweiten Trieb in euch hinein – den der Angst. Angst dominiert eure Reaktionen, wenn ihr in eine Krise steuert. Kopf in den Sand, Füße in die Hand – Flucht nach vorne und nach hinten, Hauptsache weg. Das sind die Stereotypen eurer Reaktionen und auch jetzt ist euer Verhalten davon geprägt. Die einen suchen einen Schuldigen, die anderen tun so, als wäre nichts geschehen, beide ignorieren die Folgen davon und versuchen nur ihren inneren Angsttrieb auszuleben. Ist das also alles, was ihr derzeit tut? Lebt ihr aus Angst vor einem winzigen Lebewesen nicht mehr als Homosapiens, sondern nur noch als Homoffisse?

Der Gemeinschaftstrieb als Überlebensstrategie

Ganz so einfach verhält es sich dann doch nicht. Rückzug, Flucht, Schuldzuweisungen – all das bleibt gleich. Aber ich meine zu erkennen, dass sich etwas verändert hat. Der Rückzug in die eigenen vier Wände ist begleitet von eurem Gemeinschaftstrieb. Es klingt paradox, aber es stimmt: Indem der Einzelne seinen Trieb nach Nähe und Zusammensein unterdrückt, unterstreicht er die Zusammengehörigkeit des Homosapiens als Gattung. Das Individuum verzichtet zum Wohl aller. So weit, so gut. Aber was ist mit der Angst? Der Trieb, der dafür sorgte, dass man zu Zeiten von Pest die eigene Verwandtschaft verhungern ließ?  Ja, auch die Angst ist noch da. Aber dieser Trieb wird immer häufiger unterdrückt, unter Mithilfe eures Erfindungsgeistes. Menschen gehen zu Kranken und Einsamen und versorgen sie mit dem Notwendigsten. Ihr bietet kranken Mitmenschen die Hilfe, die sie benötigen – und setzt euch selbst der Gefahr einer Ansteckung aus. Ihr setzt darauf, dass die anderen ebenfalls für euch da sein werden.

Ich muss mich also korrigieren. Der Homosapiens hat sich noch nicht selbst abgeschafft. Die Hoffnung für die Menschen brauche ich noch nicht begraben, denn ihr habt euch in nur einer Sekunde meiner Lebenszeit von einer angstgetriebenen Gattung zu einer lebensbejahenden Spezies entwickelt. Das ist eine beachtliche Leistung. Es mag ja sein, dass so manch eines der Lebewesen auf meiner Ober- und Unterfläche eure Schwäche erkannt hat. Aber, liebe Menschheit, die letzten Wochen und Monate beweisen vor allem eines: Jede vermeintliche Schwachstelle birgt das Potential zu deiner größten Stärke.

Share this Post