Fasching vor hundert Jahren

Fasching im München des frühen 20. Jahrhunderts wird von Erich Mühsam als Gaudi beschrieben. Es gab unzählige Feste mit Wein und Sekt, Masken und Verkleidungen und so manch ein Mädchen ließ »die Hüllen fallen, um nackt weiter zu hopsen«. Ein Literat der Schwabinger Boheme erzählt, wie man früher in München feierte.

Erich Mühsam, ein Charakter, der heute nur noch wenigen ein Begriff ist, hat in seinen »Unpolitischen Erinnerungen« Denkwürdiges und Unterhaltsames über die Münchner Literaten- und Kunstszene des frühen 20. Jahrhunderts niedergeschrieben. Mit seinen Beobachtungen hat uns der radikale Schriftsteller und Anarchist ein wertvolles Zeugnis regionaler Kulturgeschichte hinterlassen, das sich zu lesen lohnt.

Während der Vorkriegsjahre – gemeint ist der Erste Weltkrieg – vibrierte München unter der kulturellen Schaffenskraft zahlreicher dort ansässiger Schriftsteller, Dichter und Künstler. In der rasant wachsenden Stadt lebten die spießbürgerliche Gesellschaft, die proletarische Arbeiterschaft und die unkonventionelle und in den Augen vieler Zeitgenossen unsittliche Künstlerschaft friedlich nebeneinander.
Das Münchner Jahr teilte sich in zwei große Abschnitte, oder auch Jahreszeiten: »Die erste umgab [den Fasching], anfangend mit der Eröffnung der Eisbahnen und endend mit dem Abschluss der Skisaison; die zweite begann mit dem Abschluss der Starkbierzeit und hörte auf, wenn die Vorbereitungen zum Fasching zur Besinnung mahnten; sie gipfelte im Oktoberfest.« Die Stadt war noch unberührt von den Leiden des kommenden Krieges und zelebrierte freimütig ihren revolutionären und fortschrittlichen Geist gegen die rückwärtsgewandte und verstockte preußische Herrschaft. München galt im Wilhelminischen Zeitalter als liberaler Gegenentwurf zum militaristischen und strengen Berlin. Die Hauptstadt Bayerns war eine Brutstätte kultureller Gestaltung und Innovation.

»Langweilig war das Vorkriegs-München nie«, schreibt Mühsam. »Wenigstens nicht für jemand, dem keine Sorge um die geordnete Einteilung eines festen höheren Einkommens die Leichtigkeit der Lebensführung unterband.« Der Publizist Mühsam war selbst ein Paradebeispiel für jemanden, der seine finanziellen Sorgen lieber anderen überließ. Zum Feiern musste man dennoch flüssig sein – auch an Fasching. »Geld hatte ich nicht, gerade, dass mir ein Freund durch irgendeine Schiebung den Gratiseintritt ermöglicht hatte«. Denn auch damals kosteten Faschingsfeiern Eintritt. Den ersten Faschingsball, den Mühsam jemals besuchte, war ein Modellball. Organisiert für und von den Berufsmodellen der Kunstakademie. Die Damen waren Aktmodelle, die den Künstlern selbstverständlich nur nackt posierten. Anders, als man erwarten würde, waren sie »in ihrer Mehrzahl alles andere als leichtsinnige oder schamlose Geschöpfe. Sie hatten ihren Freund und waren ihm pedantisch treu; daher galten sie als langweilig.« Trotz der scheinbar enttäuschenden Kunstmodelle erinnert sich Mühsam lebendig an seinen ersten Faschingsball: »[Ich sah] die Maler und Dichter Schwabings, die ich bis dahin nur oberflächlich von Gesprächen und lustigen Kneipereien her kannte, zum ersten Mal in voller Ausgelassenheit[…].« Die Künstler Münchens feierten den Fasching auf ihre Weise. Nicht »roh und geschmacklos […] wie der Spießbürger, der sich in Gier auf Vergnügungen stürzt«. Ihre Lust in Freiheit zu genießen, entfesselt von den sittlichen Zwängen der Bourgeoisie, sahen sie als ihr Recht an – Frauen wie Männer. Man überhob sich nicht über die anderen: »Wahrhaftig, es wäre der Gräfin Reventlow nicht beigekommen, sich in irgendeiner Weise über die Modelle, die den Tanzsaal füllten, zu überheben. Weder, dass sie – oder irgendeine andere Frau – gegenüber den Stubenmädchen, Verkäuferinnen und Berufsmodellen der Gesellschaft [….] die Dame heraus[lies], noch, was ja viel kränkender und viel ekelhafter ist, dass sie sich gar patronessenhaft leutselig zu ihnen herabgelassen hätte. Es war eine selbstverständliche Zusammengehörigkeit der Teilnehmer einer solchen Münchener Gaudi; jeder tat, was ihm gefiel, befreundete sich, mit wem ihm die Unterhaltung passte, und gab sich, wie er war. Das hat mir München, das hat mir besonders Schwabing immer so lieb gemacht […]«.

Fasching feierte man in allen Milieus

Freude am Leben existierte zwischen Armut und Künstlerschaft in Gemeinschaft, urteilt Mühsam, was sich am Fasching besonders zeige. Nicht anders als heute tobte an Fasching der Balztanz, den auch der damals noch recht junge Verleger kräftig mittanzte. »Das nette Modell, das mir bei der Flasche Wein auf Kosten der Jugend [Anm.: Die Zeitschrift, für die Mühsam zu dieser Zeit schrieb] Gesellschaft leistete, wurde meine erste Münchener Freundin […].« Faschingsbraut, nannte man übrigens Mädchen, die man an einem Faschingsball aufgegabelt hatte, nicht zu verwechseln mit der Wiesnbraut.


Mühsam berichtet uns auch von den gehobenen Festen, denen er selbst weniger beigewohnt hatte. Man trank viel Sekt im bürgerlichen München des frühen 20. Jahrhunderts, und König des Balls war meist derjenige, mit der teuersten und aufwändigsten Maske. Kein Wunder, dass es dem späteren sozialistischen Aufrührer Mühsam hier nicht gefallen hat. Er berichtet uns auch von den Bällen des Café Luitpold, das heute noch an selber Stelle existiert: »Ein ziemlich wenig Münchnerisches Etablissement, das aber den Fremden als Stätte typischer Münchner Eigenart gezeigt wurde […].« Eintritt für die gesamte Faschingszeit im Café Luitpold betrug übrigens zehn Mark – eine große Summe, die Mühsam sich nur mithilfe seines Gönners Georg Hirth leisten konnte.


Der lustigste und wildeste Fasching, den er erlebte, »war der letzte vor dem Kriege, im Februar 1914.« Zum »Gespensterfest« kamen alle Gäste in die zur Spukkammer hergerichteten Wohnung des Künstlers Alexander Köster. »Die Frauen waren in mächtige Laken gehüllt oder es hingen ihnen Algen und Wasserrosen in den offenen Haaren […], die Gesichter der Festteilnehmer waren mit Kreide verschmiert […].« Tanz, Bowle und gute Laune trieb den Gespenstern die Farbe ins Gesicht und ließen die Künstler und Literaten Schwabings den letzten Münchner Fasching feiern. »Wenige Monate später begann ein anderes Gespensterfest, von dem viele unserer Freunde, Weisberger, Jacobi, Franz Marc, nicht zurückkehrten […]. Die freie Unbefangenheit des Genießens hat in ihr keine Stätte mehr.«

Mit Beginn des Ersten Weltkriegs welkte die kunterbunte Faschingskultur, die von den Münchner Bürgern aller Milieus aufrechterhalten wurde. Sie lebte in den Augen Mühsams nicht wieder auf. Im Juli 1934 wurde Erich Mühsam von einem Erschießungskommando der SS im KZ Oranienburg ermordet. Wer weiß, wie er heute über den Münchner Fasching urteilen würde. Zumindest können wir ihn frei und mit künstlerischer Weltoffenheit und Gelassenheit genießen. Auch dafür hat er gekämpft.

Quellen und Literatur (Auswahl):
Mühsam, Erich: Unpolitische Erinnerungen (Hamburg, 2000).
Gasser, Manuel (Hg.): München um 1900 (München, 1981).
Online-Portal der Stadt München: https://www.muenchen.de/veranstaltungen/fasching/geschichte.html (Zuletzt aufgerufen am 24.02.2020).

Titelbild:
Kester, Stadtarchiv München: »Maskierte auf den Straßen und Plätzen Münchens.« (Creative-Commons-Lizenz Namensnennung). http://stadtarchiv.muenchen.de/scopeQuery/detail.aspx?ID=665397 (Zuletzt aufgerufen am 24.02.2020).

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