„Leseprobe: Champagner zum neuen Jahr.“

Das neue Jahr und die noch nahezu unberührte Dekade sollten natürlich auch schreibend begossen werden. Was dient hierzu besser, als eine Leseprobe aus meinem aktuellen Projekt – mit edlem Champagner und dem fruchtigen Bouquet von politischer Intrige.

Die Champagnerflasche entließ den Korken mit einem lauten Plopp und die Flüssigkeit sprudelte in die bereitgestellten Kristallschalen. »Kommen Sie, Hammann, stehen Sie nicht so da, nehmen Sie sich auch ein Glas«, sagte Bülow laut zu seinem Pressechef. Widerwillig bewegte dieser sich zum Tisch im Büro des Reichskanzlers. Er mochte Champagner nicht besonders und Feiern tat er schon gar nicht gerne. Erst recht nicht zu so einem Anlass. Kaum zu glauben, dass Bülow sich so ausgelassen über den Rückzug Eulenburgs freute.

»Nur ein kleiner Schluck, Herr Reichskanzler…«, bat er, als er schon eine randvoll gefüllte Schale in die Hand gedrückt bekam. »Ach, naja, was soll‘s«, resignierte Hammann.

»Worauf stoßen wir an?« Scheefer klang schon reichlich beschwipst. Vermutlich war das nicht die erste Flasche, die er heute geöffnet hatte. Sein Gesicht glühte rot und er stützte sich auf einem der Stühle ab, um aufrecht stehen zu können.

»Auf des Kaisers Berater« rief Bülow aus, »und darauf, dass seine Majestät ab jetzt auf die richtigen Freunde hört«. Er ließ die Sektschale kräftig gegen Scheefers Glas klirren und verschüttete die Hälfte des Champagners, woraufhin der Privatsekretär in ein wieherndes Kichern ausbrach. Hammann nippte nur vorsichtig und stellte das Glas mit der goldenen Flüssigkeit wieder ab. Er fand Scheefer nüchtern bereits nervtötend, aber betrunken war der Mann unausstehlich. Angewidert von dessen Gebaren blickte Hammann aus dem Fenster.

»Hammann, jetzt erzählen Sie doch mal. Wie ist es gewesen?« Bülows Gesicht glänzte von den Tränen, die er mit Scheefer über den vergossenen Schaumwein gelacht hatte, als er sich erneut an seinen Pressechef wandte.  »Sie meinen mit Eulenburg?« Der Kanzler nickte zustimmend. »Also, soweit ich weiß – ich war ja selbst nicht dabei – traute sich niemand den Kaiser auf die ganze Pressegeschichte anzusprechen. Und als die Katze dann aus dem Sack war, konnte seine Majestät nichts mit dem Paragraphen 175 anfangen. Es heißt, er habe zuvor noch nie etwas davon gehört.« Bülow stutzte und Scheefer brach schon wieder in ein übertriebenes Lachen aus. »Aber ist nicht erst im Frühjahr letzten Jahres sogar ein Neffe des Kaisers wegen homosexueller Vergehen vor Gericht gestanden?«, fragte der Reichskanzler verdutzt.

»Korrekt, da gab es diese Gerüchte um Wilhelm von Hohenau. Auch ein Freund Eulenburgs, übrigens«, ergänzte Hammann. »Aber offenbar ist die königliche Hoheit in diesen Dingen nicht so bewandert. Man erzählt sich, dass der Kronprinz persönlich seinen Vater über die Sache unterrichten musste. Es erkärte sich wohl niemand sonst bereit. Seine Majestät hat sehr pikante Details über Homosexuelle erfragt«, fuhr er fort, aber noch bevor er ausgeredet hatte, brach Scheefer lachend über dem Stuhl zusammen, auf den er sich bislang gestützt hatte.

»Max, bitte beherrsche dich. Das ist lästerlich, dein maßloses Gelächter«, schimpfte Bülow seinen Sekretär, blieb aber selbst nicht ganz ernst. »Das hat nichts mit Ihnen zu tun«, sagte Bülow entschuldigend zu Hammann, »so ist Max eben manchmal«.

Hammann verstand durchaus den Witz, den die Angelegenheit mit sich brachte. Die Vorstellung, dass der Kaiser von seinem eigenen Sohn eine Lektion in Sachen Sexualkunde bekommen hatte, hatte ihm auch schon den einen oder anderen Lacher abgerungen. Allerdings hielt er Scheefers respektlose Erheiterung über den Kaiser im Büro des Reichskanzlers für sehr unangebracht. Da dieser aber keinerlei Anstalten machte, seinen Sekretär zur Beruhigung ein wenig an die frische Luft zu schicken, wartete Hammann bis Scheefer mit seinem Lachanfall am Ende war, ehe er weiter erzählte.

»Nachdem der Kaiser also alles erfahren hatte«, und er überging beflissentlich Scheefers erneut aufkommendes Schmunzeln, »ließ er Eulenburg zur Erklärung vorladen. Anscheinend reichte der Fürst umgehend seinen Rücktritt als kaiserlicher Berater ein, was ohnehin nur eine Formalität ist. Viel aufschlussreicher allerdings ist, dass Eulenburg sich selbst angezeigt hat – wegen homosexueller Vergehen.« »Aber weshalb macht der denn so etwas? Damit erklärt er sich doch für schuldig«, sagte Bülow nachdenklich. »Wenn er selbst bezeugen würde, dann schon. Er nannte jedoch unmittelbar einen Zeugen, der seinen Artikeln zufolge Beweise gegen ihn vorliegen hat: Maximilian Harden.«

Für einen kurzen Moment blickte der Kanzler mit verständnislosem Ausdruck zu Hammann, als sich seine Gesichtszüge plötzlich erhellten. »Ach, der Fürst ist immer noch ein Schlitzohr. Er stellt Harden auf die Probe. Sollte er die Zeugenaussage verweigern…«

»…dann würden all seine Anschuldigungen als leere Drohungen verpuffen«, beendete Hammann den Satz. »Eulenburg wäre umgehend rehabilitiert und der Kaiser könnte mit seinem Freund endlich wieder all die Dinge besprechen, die er nur ihm anvertrauen möchte.«

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